Trainerkongress 2026, Berlin. Zwischen KI, Future Skills und neuen Lernformaten entsteht ein Raum, der sich nicht mit Tools beschäftigt, sondern mit unserem Denken selbst.
Ein Augenblick, der alles verändert
„Was kann KI besser und was können wir Menschen besser als KI?“
Als ich diese Frage zu Beginn meines Workshops stellte, passierte etwas, das man in Trainings selten erlebt: echte Stille. Volle Pulle Denken. Mir fast ein bisschen „unheimlich“, denn es gab keine schnelle Wortmeldung, kein Griff zu bekannten Modellen, sondern Innehalten und Denken. Ein kurzer Moment, der sichtbar machte, worum es eigentlich geht: Wir beschäftigen uns ständig mit Ergebnissen unseres Denkens, jedoch kaum mit dem Prozess selbst. Und genau hier setzt „Denken neu lernen“ an.
Warum dieses Thema gerade jetzt so relevant ist
Der Trainerkongress 2026 war geprägt von Zukunftsthemen: Künstliche Intelligenz, neue Lernarchitekturen, sich verändernde Kompetenzanforderungen. Keywords wie:
- Zukunft des Lernens
- Künstliche Intelligenz im Training
- Future Skills entwickeln
- Lernkultur im Wandel
waren allgegenwärtig.
Und doch wurde in vielen Gesprächen eines deutlich: Wir erweitern permanent unser Wissen, nur unser Denken entwickelt sich oft langsamer oder sogar rückläufig. Gerade durch KI wird dieser Unterschied spürbar. Denn wenn Antworten jederzeit verfügbar sind, verschiebt sich der entscheidende Kompetenzbereich: Nicht mehr „Was weiß ich?“ sondern „Wie denke ich?“
(M) Ein Workshop, der den Nerv getroffen hat
„Denken neu lernen“ war kein offizielles Kongressmotto. Und vielleicht war genau dies der Grund für die Intensität der Diskussionen und das Interesse von vielen am Thema. Die Teilnehmenden kamen nicht, um ein weiteres Tool mitzunehmen, sondern weil sie gespürt haben: Hier geht es um etwas Grundsätzlicheres.
Im Workshop wurde schnell klar:
- Wir bewerten schneller, als wir verstehen.
- Wir denken in Mustern, die uns oft nicht bewusst sind.
- Wir verwechseln unsere Interpretation mit der Realität.
Eine Teilnehmerin formulierte es so: „Ich merke gerade, dass ich meine Gedanken, meine Antworten bisher selten hinterfragt habe, sondern ihnen einfach geglaubt habe. Und wow, das gilt für KI-Antworten noch einmal mehr…“
KI als Spiegel unseres Denkens
Ein zentrales Thema, auch inspiriert durch die Diskussionen rund um den Kongress und die vielen Padlet-Beiträge, war die Rolle von KI. Nicht im Sinne von Effizienz oder Automatisierung, sondern als Reflexionsfläche. Denn KI zeigt uns schonungslos:
- wie unklar unsere Fragen oft sind.
- wie schnell wir mit oberflächlichen Antworten zufrieden sind.
- wie stark wir in bekannten Denkmustern bleiben.
Die eigentliche Kompetenz liegt also nicht im Prompten, sondern im Denken davor und dahinter. KI wird zum Sparringspartner, nicht zum Denkersatz. Oder anders gesagt: Die Qualität der KI-Ergebnisse ist ein Spiegel der Qualität unseres Denkens.
Drei Learnings, die ich mitnehme und in meinen Veranstaltungen – egal ob Training, Coaching oder Moderation – integrieren werde:
1. Denken ist trainierbar, und dies nicht durch Wissen allein
Neue Denkweisen entstehen nicht durch Input, sondern durch bewusste Irritation und Reflexion. Erst wenn wir merken, dass wir denken, entsteht die Möglichkeit, anders zu denken.
2. Perspektivwechsel sind kein „Soft Skill“, sondern Schlüsselkompetenz
In einer Übung wurde eine reale Trainingssituation aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Innerhalb weniger Minuten veränderte sich nicht die Situation, sondern die möglichen Handlungen. Mehr Perspektiven heißt somit (immer) auch mehr Handlungsspielraum. Eine einfache Gleichung, mit großer Wirkung.
3. Gute Fragen sind wertvoller als schnelle Antworten
Im Verlauf des Workshops veränderte sich die Qualität der Fragen spürbar: Von: „Wie löse ich das?“ Hin zu: „Warum denke ich darüber so, und welche Alternativen gibt es?“ Gerade im Kontext von KI wird diese Fähigkeit entscheidend.
Die vielleicht wichtigsten Fragen unserer Zeit
Was aus dem Workshop geblieben ist, sind weniger Methoden, sondern Fragen, die in mir und mit meinen Teilnehmenden weiterreifen, weiterarbeiten:
- Wie können wir bewusstere Denkprozesse in den Arbeitsalltag integrieren?
- Wie lernen wir, unsere ersten Gedanken nicht sofort als Wahrheit zu akzeptieren?
- Wie gestalten wir Lernräume, die echtes Nachdenken ermöglichen, nicht nur schnelle Ergebnisse?
- Und: Wie verändern sich Denkprozesse durch den Einsatz von KI langfristig?
Diese Fragen sind unbequem. Und genau darin liegt ihr Wert.
Was das für Training, Coaching und Führung bedeutet
Wenn wir „Denken neu lernen“ ernst nehmen, verändert sich auch unsere Rolle: Wir sind nicht mehr nur Wissensvermittler und Lernenermöglicher, sondern Denkraum-Gestalter. Das bedeutet konkret:
- weniger Fokus auf Inhalte, mehr auf Denkprozesse
- weniger schnelle Lösungen, mehr wirksame Fragen
- weniger Sicherheit, mehr bewusste Irritation
Gerade für moderne Lernkulturen und zukunftsfähige Organisationen ist das entscheidend.
Fazit: Zukunft braucht neues Denken
Die Zukunft des Lernens entscheidet sich nicht an Tools, sondern an unserem Denken. In einer Welt voller Antworten wird die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, zur Schlüsselkompetenz. Und vielleicht beginnt genau hier das Umdenken: Nicht bei der nächsten Methode, nicht beim nächsten Trend, sondern bei einer einfachen, aber kraftvollen Frage:
Was denke ich eigentlich und warum?
Über die Autorinnen
Dr. Bettina Ritter-Mamczek ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, Trainerin, Moderatorin und Autorin und gestaltet seit mehr als 30 Jahren Lehr-Lernprozesse. Dabei greift sie auf ihre Erfahrungen, ihren umfangreichen Methodenwerkzeugkasten und ihr kreatives, innovatives Potential zurück. Sie initiiert stets wirksame und freudvolle Settings und gestaltet mit Gruppen, Teams und Einzelpersonen Innovationsprozesse in ganz unterschiedlichen Themen- und Arbeitsfeldern. Sie lebt in Berlin und führt mit ihrer Kollegin Andrea Lederer die Geschäfte der splendid-akademie GmbH. Andrea hat in der Zusammenarbeit die Change-Brille auf und begleitet Prozesse und Veränderungen landauf und landab.
