Warum gute Lernende heute mehr kluge Denkpartner*innen und nicht nur perfekten Techniken brauchen
„Ich weiß gar nicht mehr, wie man richtig lernt.“
Diesen Satz hören wir in unseren Trainings inzwischen erstaunlich oft.
Von Azubis, von Studierenden und von Menschen mitten im Berufsleben, von Quereinsteiger*innen und von Weiterbildungsteilnehmenden.
Und weißt du was: Das ist verständlich. Denn Lernen fühlt sich heute oft widersprüchlich an.
Einerseits stehen uns mit KI, Lernplattformen, Videos, Apps und digitalen Tools mehr Möglichkeiten zur Verfügung als je zuvor. Andererseits entsteht schnell das Gefühl: Warum soll ich mich überhaupt noch anstrengen bzw. etwas lernen, wenn ChatGPT und Friends wie Claude mir die Antwort in Sekunden liefert?
Genau hier beginnt die spannende Frage unserer Zeit:
Wie lernen Menschen freudvoll und erfolgreich, ohne sich geistig auszuruhen?
Und was ist Lernen wirklich, und dies einmal mehr in unserer Zeit?
Wie nutzen wir KI als Unterstützung, ohne unser eigenes Denken zu verlieren?
Und wie kann Lernen wieder lebendig und sogar freudvoll werden und uns hungrig und neugierig machen?
Wir glauben: Die Zukunft gehört nicht den Menschen, die alles auswendig wissen, oder Antworten schnell generieren können, sondern den Menschen, die Fragen stellen können, Zusammenhänge erkennen, die reflektieren und Transfer wollen und schaffen, und die die KI intelligent als Sparringspartner nutzen.
Ein Erlebnis aus einem meiner Workshops
Vor einigen Monaten saß in einem Workshop ein Teilnehmer Anfang zwanzig. Er ist Quereinsteiger zum Kaufmann. Er ist sehr digitalaffin, sehr schnell und sehr freundlich. Während einer Lernphase beobachtete ich, wie er permanent KI nutzte, für Zusammenfassungen, Erklärungen und Formulierungen zur Präsentation der Gruppenarbeit.
Irgendwann fasste ich mir etwas Mut und fragte ihn provokant: „Und was davon denkst du selbst?“ Er schaute mich kurz an, dann lachte er. Und sagte einen Satz, der mich noch immer beschäftigt: „Eigentlich lasse ich gerade mein Gehirn im Energiesparmodus laufen.“
Ein ehrlicher Satz, und scheinbar ein kluger Satz. Doch mir ließ es keine Ruhe, ich lud ihn ein, etwas gemeinsam auszuprobieren: Nicht die KI sollte „fertig liefern“, sondern die KI sollte ihn herausfordern. Er begann plötzlich anders zu arbeiten:
- Er ließ sich Gegenargumente geben.
- Er fragte nach Praxisbeispielen.
- Er ließ sich Quizfragen erstellen.
- Er diskutierte mit der KI verschiedene Lösungswege.
- Er erklärte Inhalte anschließend mit eigenen Worten.
Das Ergebnis war sichtbar: Mehr Tiefe, mehr Eigenständigkeit und damit vor allem mehr Lernen und Freude. Und genau das ist aus unserer Sicht der entscheidende Unterschied: KI kann Lernen intelligenter machen. Lernen „müssen“ wir weiter selbst.
Lernen braucht weiter drei Dinge
1. Aktivität statt Konsum
Viele Menschen „berieseln“ sich mit Videos, Podcasts und Zusammenfassungen. Das fühlt sich produktiv an, ist jedoch oft passiver Fernsehmodus.
Lernen entsteht erst dann, wenn unser Gehirn arbeiten (muss): erklären, strukturieren, anwenden, diskutieren, entscheiden, Fehler machen.
2. Emotion statt Druck
Unser Gehirn liebt Bedeutung und Emotionen.
Menschen lernen besser, wenn Inhalte und / oder Methoden neugierig machen, überraschend sind, spielerisch sein dürfen, mit echten Situationen verbunden werden und – vor allem – (Lern-)Erfolgserlebnisse erzeugen.
3. Reflexion statt Copy-Paste
Wer KI nutzt, um besser zu denken, trainiert seine Zukunftskompetenzen.
Die entscheidenden Fragen lauten deshalb: „Was habe ich verstanden? Und „Wie wende ich es an?“ und nicht, „Was hat die KI schnell geschrieben oder geantwortet?“
5 Lerntechniken, die wirklich funktionieren
Hier sind fünf Methoden, die wir in Trainings, Workshops und Lernsettings aktuell besonders lieben:
1. Die „Erklär-es-einem-Kind“-Methode
Eine der stärksten Lerntechniken überhaupt. Wer etwas wirklich verstanden hat, kann es einfach erklären. Nutze KI dabei nicht als Antwortmaschine, sondern als Testpublikum.
Zum Beispiel:
- „Stell mir Rückfragen wie ein neugieriger Teenager.“
- „Wo ist meine Erklärung noch unklar?“
- „Welche Beispiele würden das für ein Kind verständlicher machen?“
Das trainiert Denken statt Abschreiben.
2. Lernen in kleinen Schleifen statt Lern-Marathon
Viele Menschen lernen immer noch nach dem Motto: „Drei Stunden durchziehen.“ Unser Gehirn liebt jedoch kleine, aktive Lernintervalle deutlich mehr.
Zum Beispiel:
- 25 Minuten fokussiert lernen
- 5 Minuten Pause
- danach kurze Reflexion:
- Was habe ich verstanden?
- Was irritiert mich noch?
- Was könnte ich anwenden?
Digitale Tools können dabei unterstützen:
- Reminder
- Lernkarten-Apps
- KI-Quizfragen
- Mini-Challenges
Wichtig ist dabei die aktive Wiederholung, nicht Dauer der Wiederholung. Die KI lässt sich dabei übrigens prima als Lern-Coach nutzen und Lernpläne erstellen bzw. situativ anpassen.
3. Die KI als Sparringspartner nutzen
Das ist aktuell vermutlich die spannendste Lerntechnik überhaupt.
Nicht: „Schreib mir die Lösung.“
Sondern:
- „Gib mir drei Denkansätze.“
- „Fordere meine Argumentation heraus.“
- „Welche Fehler machen Anfänger oft?“
- „Simuliere ein Prüfungsgespräch.“
- „Stell mir Transferfragen aus der Praxis.“
Das verändert Lernen komplett. Denn plötzlich entsteht Dialog statt Konsum, und das heißt Aktivität und Denken, statt Fernsehmodus und Abspeichermarathon.
4. Mit Bildern, Skizzen und Visualisierung lernen
Unser Gehirn denkt mehr in Bildern, Strukturen und Geschichten, als in Sprache.
Deshalb bleiben Inhalte oft besser hängen, wenn wir:
- Mindmaps erstellen
- Prozesse skizzieren
- Zusammenhänge visualisieren
- mit Farben arbeiten
- kleine Icons oder Symbole nutzen
Gerade komplexe Inhalte werden dadurch leichter verständlich. Und ja: Auch Erwachsene dürfen bunt lernen.
Wer die KI dazu nutzen möchte tut sich beim Lernen eine großen Gefallen, wenn er so vorgeht: Skizze anfertigen, und diese von der KI auf „Richtigkeit und Fokussierung“ checken lassen… Das ist wesentlich wirksamer, als die KI die Skizze anfertigen zu lassen…
5. Lernen mit echten Fällen verbinden
Das ist einer der häufigsten Fehler in der Weiterbildung: Zu viel Theorie, zu wenig Anwendungsbeispiele bzw. gar keine Anwendung.
Lernen wird wirksam, wenn sich Menschen fragen:
- Wo begegnet mir das im Alltag?
- Wann brauche ich das wirklich?
- Welche Situation erinnert mich daran?
Deshalb arbeiten wir in Trainings gern mit:
- Praxisfällen
- Simulationen
- Trainingssequenzen
- Reflexionsfragen
- echten Herausforderungen aus dem Berufsalltag
Wir wissen es schon lange, Wissen ohne Anwendung bleibt oft nur „Besuch im Kurzzeitgedächtnis“. Auch hier kann die KI als Sparringspartner (aus der Praxis heraus) helfen, z.B. durch Nachfragen und Simulieren und somit das individuelle Lernen fördern. Das hilft sowohl Trainer*innen in der Vorbereitung als auch Lernenden im Lernprozess, ob in der Gruppe oder allein in Selbstlernprogrammen.
Was wir wirklich alle neu lernen müssen
Lernen heute heißt vor allem: Neugierig zu bleiben, „nicht fertig zu sein“, Denken zu trainieren, Zusammenhänge herzustellen, Fragen zu stellen und mit KI klug zusammenzuarbeiten. Ja, Lernen heißt einmal mehr, die Freude am Lernen wiederzuentdecken bzw. zu pflegen. Wissen ist da und kann haufenweise angesammelt werden, unser kritischer Geist will Bewegung und Denken, damit wir zukunftsfähig und kompetent bleiben und dies immer wieder aufs Neue werden…
Unser zusammenfassender Eindruck und Ausblick auf Workshops und Trainings
Die Menschen, die heute besonders erfolgreich lernen, sind nicht unbedingt die Schnellsten. Sondern diejenigen, die aktiv bleiben, ausprobieren, reflektieren, verknüpfen, Fehler zulassen und digitale Möglichkeiten intelligent nutzen.
Genau daran arbeiten wir in unseren Workshops:
Egal bei welchem Fokusthema, immer begleitend zu der Frage, wie Lernen im Zeitalter von KI menschlich, wirksam und motivierend gestaltet werden kann, und dies mit konkreten Methoden, mit viel Praxis, mit Austausch, mit Leichtigkeit und ohne „PowerPoint-Dauerbeschallung“.
Denn wir sind überzeugt: KI darf und muss (?) Lernen erleichtern, doch Lernen bleibt etwas zutiefst Menschliches. Mehr Impulse, Workshops und Lernideen findest du hier
Über die Autorinnen
Dr. Bettina Ritter-Mamczek ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, Trainerin, Moderatorin und Autorin und gestaltet seit mehr als 30 Jahren Lehr-Lernprozesse. Dabei greift sie auf ihre Erfahrungen, ihren umfangreichen Methodenwerkzeugkasten und ihr kreatives, innovatives Potential zurück. Sie initiiert stets wirksame und freudvolle Settings und gestaltet mit Gruppen, Teams und Einzelpersonen Lehr-Lernprozesse in ganz unterschiedlichen Themen- und Arbeitsfeldern. Sie lebt in Berlin und führt mit ihrer Kollegin
Andrea Lederer die Geschäfte der splendid-akademie GmbH. Andrea hat in der Zusammenarbeit die Change-Brille auf und begleitet Prozesse und Veränderungen landauf und landab.
